Vorträge & ReferentInnen 2026

Mit mehreren Referenten, die uns helfen werden, die Thematik in verschiedenster Hinsicht zu vertiefen, mit einem besonderen Interesse für das Zeugnis und die Lehre der Karmelheiligen.

Wahrheit. Für immer verloren?

Prof. Dr. Tonke Dennebaum,

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Zusammenfassung

Kann man heute noch von „Wahrheit“ sprechen? Zeigen nicht Philosophie und Naturwissen-schaft, dass wir davon lieber die Hände lassen sollten? Und doch ist die Sehnsucht nach Wahrheit heute groß – aber auch verführerisch und vielleicht sogar gefährlich. Wie also kann ein Bekenntnis zur Wahrheit aussehen, das klar und eindeutig ist, und zugleich den Heraus-forderungen der pluralen Welt gerecht wird?

Lange Zusammenfassung
  1. Die Frage nach der Wahrheit lässt sich heute nicht mehr so einfach beantworten, wie man früher dachte. Was für Aristoteles oder Thomas von Aquin kein Problem war, stellt sich spätestens seit Kants Kritik an der Reichweite und Belastbarkeit menschlicher Erkenntnis ganz anders dar.
  2. Dennoch ist es richtig – und notwendig – an der Wahrheit festzuhalten. Und: Die Sehn-sucht nach Wahrheit ist heute groß, auch nach Wahrheit im Glauben, gerade bei jungen Menschen. Das zeigt sich bei Edith Stein genauso wie bei heutigen Glaubenszeugen (Hinweis: Phänomenologie als Antwort auf Kantianismus; ggf. Idealismus-Realismus-Debatte).
  3. Für die Kirche war immer wichtig: Der Anspruch religiöser Wahrheit beruht weder auf einem reinen Glaubensakt noch auf reiner Vernunft. Glaube und Vernunft gehören zusammen, weder Fideismus noch Rationalismus wären angemessen.
  4. Auch moderne Theologen wie John Hick sind überzeugt: Der Anspruch auf Wahrheit kann und muss im Glauben aufrechterhalten werden, allerdings anders als früher, nämlich unter den Bedingungen eines heute plausiblen Rationalitätsverständnisses. Die analytische Religionsphilosophie zeigt, wie das gehen kann.
  5. Im Anschluss an Michel Foucault kann man das Bekenntnis des Glaubens als Bekenntnis einer Wahrheit als Parrhesie verstehen, als Mut zur Wahrheit, freimütiges Sprechen. Dabei entspricht die Parrhesie einer ethischen Praxis, die „eine feste und konstitutive Verbindung zwischen dem Sprechenden und dem Gesagten“ voraussetzt und zugleich eine Einstellung ist, bei der der Sprecher „mutig die Wahrheit ausspricht, wobei er sein eigenes Leben und seine Beziehung zum anderen riskiert.“
  6. Dies lässt sich rückbinden an das neutestamentliche Verständnis von Parrhesie. In einigen paulinischen Briefen und in der Apostelgeschichte wird die Autorität der christlichen Missionare mit der Parrhesie begründet. Der Hebräerbrief versteht die παρρησία der Gläubigen vor einem eschatologischen Horizont als Heilsgabe, die aus der Hinwendung zu Gott heraus erfolgt.
  7. Wahrheit und Ethik, Wahrheit und Tugend gehören zusammen. Auch in der Welt von heute kann und sollte man auf Wahrheit nicht verzichten. Die Sehnsucht danach ist groß – aber auch verführerisch und sogar gefährlich. Daher ist im Blick auf die Frage nach der Wahrheit heute die differenzierte Tradition der Kirche (Glaube und Vernunft als die beiden Flügel der Erkenntnis) genauso wichtig wie der kritische Blick der neuzeitlichen Philosophie. Vor diesem Hintergrund lässt sich ein Bekenntnis zur Wahrheit formulieren, das klar und eindeutig ist, und zugleich den Herausforderungen der pluralen Welt gerecht wird.

Zur Beziehung von Werterkenntnis und personaler Verwirklichung bei Scheler und Stein

Dr. Monika Adamczyk-Enriquez

Edith-Stein-Archiv zu Köln, Ignatianum Universität in Krakau

Zusammenfassung

Max Scheler, einer der bedeutendsten Vertreter der philosophischen Axiologie im 20. Jahrhundert, entwickelte eine grundlegende Beschreibung von Werten und ihrer Hierarchie und betonte dabei ihren idealen Charakter. Zugleich zeigte er die erkenntniserschließende Rolle des Fühlens und der personalen Akte für die Erfassung von Werten auf.
Edith Stein greift Schelers Ansatz auf, verschiebt jedoch den Akzent. Während bei Scheler die Beziehung zwischen Person und Werten primär in einer erkenntnistheoretischen Perspektive erscheint, richtet Stein den Blick stärker auf die Person selbst als Ort der Aneignung und Verwirklichung von Werten. Ihr Interesse gilt der inneren Struktur der Person, der Verantwortlichkeit sowie den Bedingungen personaler Reifung und Entwicklung. Die Teilnehmenden erhalten einen Einblick in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Ansätze und werden eingeladen, darüber nachzudenken, wie Werte im eigenen Leben erkannt, angeeignet und verwirklicht werden können.


Schönheit und Wahrheit – umstrittene Werte in Philosophie und Kunst

Dr. Pia Lilienstein

Universität Erlangen-Nürnberg

Zusammenfassung

Rom gilt als Geburtsstätte des Barock, jener Kunstepoche, die Schönheit dynamischer, intensiver, sinnlicher und dramatischer als je zuvor inszenierte und die die christliche Weltanschauung und Offenbarung in eindrucksvolle Kunstwerke übersetzte. Die Künstlerinnen und Künstler um 1900 brachen vehementer noch als diejenigen des 19. Jahrhunderts mit dieser Kunst- und Bildauffassung. Friedrich Nietzsche z.B. rebellierte gegen die platonische Trias des Guten, Wahren und Schönen und schrieb „Die Wahrheit ist hässlich: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen“. Edith Stein, als Zeitgenossin der Klassischen Moderne hingegen schrieb an Roman Ingarden, dass sie es im Leben mit der Kultur und in der Kunst mit der Schönheit hielte und in beidem die Harmonie suche, also im Grunde das Ordnende, Erhabene und Transzendente.
Der moderne Zweifel am Wert der Schönheit und an der Wahrheit von Bildern wird mit den digitalen Sehgewohnheiten und dem Bildmedium der KI-generierten Bilderwelten zu einer Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig schärft sich in der Kunst das Bewusstsein für den Wert leiblicher Wahrnehmungen und ästhetischer Erfahrungen als Erkenntniszugänge. Der Rückblick in vergangene Kunstepochen und ein Vergleich von Edith Stein mit Künstlerinnen ihrer Generation könnte interessante Impuls für das aktuelle Nachdenken über diese Fragen geben.
Neben dem philosophisch-kunsthistorischen Teil soll es auch die Gelegenheit geben, gemeinsam die durch Architektur und künstlerischen Inszenierung verdichtete, ästhetisch-spirituelle Atmosphäre eines barocken Kirchenbau zu erkunden.


Wahrheit in der Technik, Wirtschaft und Produktinnovation

Prof. Dr. Sarah Spiekermann-Hoff

Department für Wirtschaftsinformatik und Operations Management der Wirtschaftsuniversität Wien

Zusammenfassung

Welchen Beitrag kann die materiale Wertethik (Scheler, Hartmann) und Wahrnehmungspsychologie (Fuchs) zum Thema „Wahrheit in der Technik, Wirtschaft und Produktinnovation“ leisten? An diesem Tag geht es zunächst um die Art, wie Schelers materiale Wertethik in ein „Value-based Engineering“ für IT und KI Produkte übersetzt worden ist. Hier wird die philosophische Wertontologie für IT Design vorgestellt, wie sie heute im ISO-Standard 24748-7000 verankert ist und weltweit genutzt wird. Ein kleiner IT Design Workshop rahmt diesen Teil ein. Ferner wird das Theme Werte in der Ökonomie besprochen und wie ein Wertverständnis im Sinne Schelers fundamental abweicht zu dem, was wir heute in der Ökonomie als Wert begreifen.


Der Einfluss der Psyche auf die Umsetzung von Werthaltungen

Prim. Dr. David Oberreiter MBA

Institut für Psychotherapie des Kepler Universitätsklinikums Linz

Zusammenfassung

Innerpsychische Vorgänge beeinflussen einerseits das Erkennen von Werten als auch die Fähigkeit, jene Werte zu verwirklichen. Es gibt psychische Zustände, die es erschweren oder gar unmöglich machen, Wahrheiten zu erkennen und sich gemäß diesen zu verhalten. Andere psychische Aspekte hingegen sind förderlich für die Verwirklichung von Werten. Begünstigende psychischen Faktoren sollten im Fokus der eigenen Entwicklung stehen.